Sondersitzung zum Radweg durch die Altstadt: Heftige, aber sachliche Debatte

Veröffentlicht am 26.03.2021 in Gemeinderatsfraktion
 

Musterfelder mit alternativem Pflaster für die Altstadt zur Ansicht für alle. Foto: Thomas Pfundtner

Von Thomas Pfundtner

Bad Wimpfen. Es ist selten geworden, dass in unserem Gemeinderat sachlich und emotionsfrei Debatten ausgetragen wurden. So selten, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger schon fragten, was mit unseren gewählten Vertretern – egal von welcher Partei – eigentlich los ist. So lag auch über der Sondersitzung am 23. März eine gewisse Spannung, wurde doch über ein Thema diskutiert, das für Bad Wimpfen eine immens hohe Bedeutung hat.

 

Bad Wimpfen. Es ist selten geworden, dass in unserem Gemeinderat sachlich und emotionsfrei Debatten ausgetragen wurden. So selten, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger schon fragten, was mit unseren gewählten Vertretern – egal von welcher Partei – eigentlich los ist. So lag auch über der Sondersitzung am 23. März eine gewisse Spannung, wurde doch über ein Thema diskutiert, das für Bad Wimpfen eine immens hohe Bedeutung hat:

Kanalarbeiten zwingend notwendig

Darum geht es. Im unteren Teil der Hauptstraße und in der Langgasse ist die Erneuerung von Wasser- und Abwasserleitungen dringend nötig. Dafür muss überall das Pflaster abgetragen werden. Im Zuge dieser Arbeiten soll danach eine barrierefreie Nutzung durch den Fußgänger- und Radverkehr durch die Altstadt ermöglicht werden. Dafür war ein Grundsatzbeschluss nötig. So weit, so einfach. Doch, so einfach ist es denn nun doch nicht. Warum? Zum einen muss für den Radweg und die Barrierefreiheit das typische Bad Wimpfener Kopfsteinpflaster abgetragen und durch glattere, nutzerfreundlichere Steine ersetzt werden. Zum anderen ist dafür die verkehrsberuhigte Zone in der Langgasse, der Feuerseestraße und im unteren Teil der Hauptstraße in eine Tempo-20-Zone umzuwandeln. Dies auch unter dem Aspekt, dass Bad Wimpfen dann für die Baumaßnahmen Landes- und eventuell sogar Bundeszuschüsse beantragen kann. Bei geschätzten Kosten von 5,5 Millionen Euro (wovon 4,8 Millionen Euro förderfähig wären) könnte so eine Unterstützung von circa 4 Millionen Euro fließen. Zoff war also eigentlich programmiert. Doch tatsächlich verlief die Diskussion zwar heftig und emotional, blieb aber ruhig, friedlich und von Vorwürfen unbelastet.
Die Debatte. Bis kurz vor der Sitzung diskutierten Mitglieder der einzelnen Fraktionen noch untereinander über das anstehende Thema. Cornelia Bär-Stoll, SPD-Fraktionsvorsitzende, unsere Gemeinderätin Julia Laras und unser Gemeinderat Bernd Wetzka diskutierten im Vorraum des Kursaals über Argumente pro und contra Radweg. Am Fenster im Saal standen CDU-Räte zusammen und besprachen letzte Details. Am Tisch neben Bürgermeister Claus Brechter bereiteten sich Architektin Eva Kiesel und Wolfgang Bürkle auf ihren Vortrag über den geplanten Radweg vor. Die Entwürfe für das Vorhaben wurden vom Ingenieur Wolfgang Bürkle und dem Planungsbüro Wick + Partner Architekten Stadtplaner aus Stuttgart erarbeitet. Die Planer hatten bereits vorab im Landratsamt Heilbronn über verkehrsrechtliche Punkte des geplanten Radwegs gesprochen, wobei die Behörde in zentralen Bereichen, zum Beispiel dem Platz am Löwenbrunnen, eine verkehrsberuhigte Zone mit einer Höchstgeschwindigkeit von maximal sieben Kilometer befürwortet. „Hier muss das Rad geschoben werden“, führte Eva Kiesel aus, „aber für eine gute Radwegnutzung ist das aber nicht durchgehend sinnvoll.“ Deshalb schlug sie vor: Der untere Bereich der Hauptstraße sowie die Langgasse und die Feuerseestraße sollten in Tempo-20-Zonen „verwandelt“ werden. Da kein separater Radweg in den schmalen Straßen der Altstadt gebaut werden kann, müssen Autos und Radler die zur Verfügung stehende Fläche gemeinsam nutzen. Bis auf wenige Engstellen in der Langgasse wird diese Straße von einem abgetrennten Gehweg begleitet.

Glatter und besser befahrbar

Auch solle den Radfahrern ein vernünftiges Fahren ermöglicht werden. Also solle das Kopfsteinpflaster „glatter und damit besser befahrbar werden.“ Autos und Radler müssen die zur Verfügung stehende Fläche gemeinsam nutzen.“ Dafür müsste nun mal das alte Kopfsteinpflaster herausgenommen werden. Dies würde in Verbindung mit den Kanalarbeiten geschehen. Das Problem: Die Planer rechnen mit einem hohen Ausschuss an Steinen, die nicht wieder verwendet werden können. Das könnten bis zu 30 Prozent der vorhandenen Steine sein, die dann bei der späteren Neuverlegung durch zugekaufte Steine ersetzt werden. „Die verbliebenen intakten Steine werden gereinigt und wieder verwendet.“
Allerdings wohl weniger in der Langgasse oder in den betroffenen Teilen der unteren Hauptstraße, sondern hauptsächlich auf dem Platz am Löwenbrunnen und in Randbereichen der Straßen. Das bedeutet für den Radweg und die Autos: Die gesamte Fahrbahn und der daneben geführte Gehweg – außer im verkehrsberuhigten Bereich zwischen Löwenbrunnen und dem Schwibbogentor – wird mit einem aus Berlin stammenden großflächigen Kopfsteinpflaster aus schwedischem Gneis gepflastert. Es hat, im Vergleich zu unserem Wimpfener großflächigen Kopfsteinpflaster, glattere Oberflächen.

Alternativen in der unteren Hauptstraße
 

Offen. Welches Pflaster durch die Spielstraße zwischen Eibauer und Teeladen, dem letzten Bauabschnitt und eigentlichen Herzstück des neuen Weges durch die Altstadt, verlegt wird, soll erst später entschieden werden. Offen bleibt ebenso, ob und wie hier ein Gehweg entstehen kann.
Einschub I. Im unteren Teil der Hauptstraße (direkt unter dem geschlossenen Imbiss) wurden vor wenigen Tagen, einige Musterflächen gesetzt, die auch der Gemeinderat bereits begutachtet hat. Bei der Besichtigung des „neuen“ Steins votierten die meisten Ratsmitglieder für einen gebrauchten, alten Stein aus Berlin. Seine Vorteile: Gut für Fußgänger und der günstigste Preis.
Bei den Ausführungen der Architektin wurde schnell klar, dass der bisherige Kopfsteinpflaster-Charme in wesentlichen Teilen der Altstadt verschwinden würde.
Pro und contra. Vorschläge, die unser Gemeinderat Bernd Wetzka in keinster Weise nachvollziehen konnte. Er hatte sich nicht nur gut vorbereitet, sondern konnte auch gute Argumente ins Spiel bringen:

1.) Touristen, die nach Bad Wimpfen kommen, sind nicht nur von den alten Häusern begeistert. Auch das holperige Kopfsteinpflaster sei kaum ein Grund für Kritik. Bernd Wetzka zitierte aus einer Zeitung über eine amerikanische Touristengruppe: „Alles ist so alt und bedeutend“, schwärmt Diane und fragt: „Wissen die Leute das hier eigentlich zu schätzen?“
2.) Bad Wimpfen ist Mitglied bei Cittaslow – ein internationales Netzwerk lebenswerter Städte, das für Lebensqualität, Nachhaltigkeit, behutsames Stadterneuern steht und den Menschen in den Mittelpunkt stellt. „Wenn wir die Altstadt von ihrem historischen Kopfsteinpflaster befreien und schnellen Radfahrern Priorität einräumen, frage ich mich, ob wir diesem Anspruch noch gerecht werden.“
3.) Andere Städte mit historischem Kern. Zum Beispiel Schwäbisch Hall oder Heidelberg (Bernd Wetzka nannte weitere Orte). „Es gibt unzählige Beispiele von Städten, die sich ihrer historischen Verantwortung bewusst sind und dem Schutz der Geschichte mehr Raum geben als Radfahrern oder barrierefreiem Flanieren. Die negativen Reaktionen auf diese Bewahrkultur halten sich deutlich in Grenzen. Ulm zum Beispiel macht das sogar in ihrer Werbung publik: "Hinweis für Menschen mit Gehbehinderung und Rollstuhlfahrer: Im Viertel ist historisch nachempfundenes Kopfsteinpflaster verlegt."

Er fuhr fort: „In Bad Wimpfen liegt nur wenig historisch nachempfundenes Pflaster. Das sollten wir so belassen, denn wir fällen hier keine Entscheidung für drei oder vier Jahre. Nein, wir entscheiden für die kommenden Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte. Über unser Pflaster sind Karren und Wagen gezogen. Soldaten und Handwerker marschierten auf diesen Steinen. Das Pflaster gehört zu Bad Wimpfen wie der Blaue Turm. Ich bitte alle Gemeinderäte: Bewahren wir unser gemeinsames historisches Erbe!“
Dies sah Hansjörg Diehm (WiSe) ähnlich. Er bedankte sich nicht nur bei unserem Bernd Wetzka, sondern vertiefte dessen Aussagen: „Ich habe mich nur für die Berliner Steinvariante entschieden, weil die wichtigste – unsere Steine – nicht zur Verfügung stand.“
Dann fragte er: „Warum müssen wir Pflaster aus Berlin einkaufen, das unseres nachahmt? Wir haben doch unser original Pflaster. Das ist die günstigste Variante.“ Hansjörg Diehm kritisierte, dass eine glatte Oberfläche durch die neuen Steine, aus den Straßen der Altstadt eine Rennbahn machen wird.

Historie contra Tempo

Ein Argument, das Michael Bahr (UB/FDP) weniger störte: Er begrüßte nicht nur das Konzept des neuen Radwegs, sondern hatte auch mit der Geschwindigkeit keine Probleme, denn so kämen Radfahrer auf dem Verbindungsstück in Bad Wimpfen eben schnell durch die Altstadt…
Bettina Scheid-Mosbacher (WiSe) konnte dies nicht so stehen lassen und machte ihre Einstellung gegen die Tempo-20-Zone an der Engstelle in der Langgasse fest: „Hier gibt es schon jetzt Kollisionen. Mit Tempo 20 mag ich mir das nicht vorstellen.“
Für unsere Fraktionsvorsitzende Cornelia Bär-Stoll war klar und deutlich, dass es „sehr schwer sei, einen Kompromiss zu finden, der alle Interessen und Vorstellungen berücksichtigt.“ Deshalb schlug sie vor, dem Konzept der Arbeitsgruppe, die sich intensiv mit dem Problem beschäftigt habe, zu folgen.
So sah es auch Bernd Angelberger (CDU) und fand die Lösung, die noch intakten Steine nach den Baumaßnahmen, um das Gebiet beim Löwenbrunnen zu verlegen und in der Tempo-20-Zone gebrauchtes Berliner Pflaster einzusetzen, nicht schlecht.
In der Diskussion ging es hin und her. So wies zum Beispiel der Bauamtsleiter Roland Löffler darauf hin, dass auch die Stadt schon Steine (aus einer Straße in der ehemaligen DDR - die Red.) zugekauft hat. „Was am Wasserwerk noch liegt, ist nicht alles historisch.“
Einschub II. In einem späteren Gespräch ergänzte er dies und erklärte, dass der Steinhaufen beim Wasserwerk eine Fläche von maximal 50 Quadratmetern sei. Er versicherte, dass sowohl das beauftragte Ingenieursbüro und Mitarbeiter der Stadt darauf achten würden, dass der Steineschwund so gering wie möglich wird: „Da achten wir schon drauf.“
Bürgermeister Claus Brechter erinnerte an ständige Veränderungen in Bad Wimpfen. „Seit der großen Stadtsanierung 1976 gibt es den ursprünglichen historischen Zustand nicht mehr.“ Er ging sogar noch etwas weiter und meinte, dass mit der Führung des Radweges durch die Altstadt eine alte Funktion wieder aufgenommen würde: „Damals erschloss man sich hauptsächlich über die Straßen der Altstadt die Stadt. Insofern befinden wir uns auf historischen Spuren...“

Vertagung abgelehnt

Das sah Bernd Wetzka anders und bat darum, die Abstimmung über den Grundsatzbeschluss zu verschieben: „Wir sollten uns alle noch einmal zusammensetzen, in Ruhe die Argumente abwiegen und dann vielleicht doch eine andere Lösung finden.“
Dafür waren auch Cornelia Bär-Stoll und Julia Laras. Sie hatten es sich mit ihrer späteren Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber bei der Abwägung zwischen historischem Erbe und Verbesserungen im Sinne einer generationengerechten Kommune und im Sinne der Verkehrswende zugunsten der besseren Begehbarkeit und mehr Sicherheit für die älter werdende Gesellschaft kamen sie zu einem anderen Ergebnis als ihr Fraktionskollege. Sie erhoffen sich von einem Radweg, dass nach dessen Fertigstellung – im Sinne des Klima- und Umweltschutzes – mehr Autofahrer aufs Rad umsteigen, um zur Arbeit zu fahren. Zum Beispiel zu Lidl oder anderen Arbeitsplätzen. Obwohl die SPD-Fraktion einstimmig für Bernd Wetzkas Antrag stimmte, wurde dieser mit acht zu neun Stimmen sowie zwei Enthaltungen dann aber abgelehnt.
Bei der späteren Abstimmung über den Grundsatzbeschluss, wurde der Punkt über die Art und Weise der „Neu-Verlegung“ des alten, historischen Wimpfener Pflasters auf einen späteren Termin verschoben. Die Tempo-20-Zonen und ein Radweg durch Bad Wimpfen wurden mehrheitlich angenommen.

Fachfirma für unser Pflaster

Natürlich konnte der Gemeinderat in der Sondersitzung nicht abschließend über alle Details befinden. Dafür ist es noch zu früh, schließlich laufen noch die Planungen und Vorbereitungen.
Verständlich, dass es noch viele Fragen zu klären gibt.
Allerdings möchte die SPD-Gemeindefraktion schon jetzt im Vorfeld, dass bestimmte Fragen beantwortet und einige Voraussetzungen getroffen werden.
„Deshalb“, so Fraktionschefin Cornelia Bär-Stoll, „wollen wir erreichen, dass mit dem historischen Pflaster sorgsam und bedacht umgegangen wird. Wir wollen, dass geprüft wird, ob es technisch möglich ist, dass die Rinnen, die bei der Wiederherstellung der Pflasterbelege eingebaut werden müssen, mit dem Wimpfener Pflaster ausgebildet werden – bei allen drei Bauabschnitten.
Darüber hinaus wollen wir, dass dem Gemeinderat und der Öffentlichkeit detailgenaue Darstellungen – zum Beispiel 3-D-Animationen – präsentiert werden, die genau aufzeigen, wie sich der Radweg optisch in die Altstadt einfügt und wie unser historisches Pflaster verlegt wird. Eine zweite Neutorstraße können wir uns nicht leisten. Deshalb fordern wir, dass die Stadt und das beauftragte Büro nach einer Fachfirma suchen, die sich auf altes Pflaster spezialisiert hat, es entsprechend beurteilen und entnehmen kann. So kann der prognostizierte Schwund von 30 Prozent sicherlich erheblich verringert werden.
Auch die Neuverlegung sollte dann von diesem Fachunternehmen übernommen – zumindest aber kontrolliert – werden. Das mag sicherlich teurer werden. Doch für einen Erhalt unserer historischen Werte wäre das unbezahlbar.“

 

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